
Das Hochrad war in den 1870er und 1880er Jahren in erster Linie ein
Sportgerät und weniger ein Verkehrsmittel. Es bestand u.a. damals
meist aus einem Stahlrahmen und einer Vollgummibereifung. Der
Antrieb erfolgte über eine Tretkurbel an der Vorderachse.
Ein Kettenantrieb (auf die Vorderachse) war zwar schon erfunden und
teilweise im Einsatz, konnte sich aber nicht durchsetzen. Um gerade
bei Radrennen grosse Geschwindigkeiten zu erreichen, baute man das
Vorderrad immer grösser (bis zu 1,5 Meter Durchmesser). Die
Gesamtkonstruktion war zum einen für den Fahrer gefährlich, schon
die kleinsten Hindernisse konnten - zumal der Schwerpunkt auf der
Vorderradnabe lag - zum Sturz führen. Dieser endete nicht selten
sogar tödlich. Zum anderen waren in den Radrennen körperlich grosse
Sportler gegenüber kleineren deutlich im Vorteil.
Sowohl Sicherheitsgründe, als auch die gewünschte Chanchengleichheit
für kleinere Radsportler animierten einige Erfinder, so den
Engländer John Lawson, das Sicherheitsrad zu entwickeln. Der
Schwerpunkt sollte tiefer und weiter hinten liegen.
Konstruktionsmerkmale des Safety Bicycle waren dabei die zwei fast
gleich grossen Räder (Niederräder) und der vom Franzosen Andre
Guilmet 1886 entwickelte Kettenantrieb für das Hinterrad. Die
Tretkräfte wirkten so nicht mehr auf die Lenkung. Bei einigen
Sicherheitsradmodellen wurde statt eines Kettenantriebes auch ein -
wenig effizienter - Zahnradantrieb verwendet.
Die ersten Niederräder waren mit einem Kreuz-Stahlrahmen
ausgestattet. Die Räder selbst waren etwa 30 Zoll im Durchmesser und
mit Radial-Dickendspeichen versehen. Ein Federkissensattel,
Schutzbleche und eine Azetylen- oder Ölbeleuchtung gehörten auch
schon recht früh zur Grundausstattung.
Schon im Jahr 1890 konnte sich das Sicherheitsniederrad in vielen
Radrennen gegen das Hochrad durchsetzen. Es galt als technisch
überlegen und wurde auch im Strassenverkehr viel häufiger verwendet.
Bei der ersten Tour de France 1903 waren alle Teilnehmer mit einem
Niederrad am Start; die Zeit des Hochrads war vorbei.
Die nächsten Entwicklungsstufen vom Sicherheitsrad zum eigentlichen
Niederrad waren die Erfindung des Trapezrahmens, der Stahlrohre für
den Rahmenbau (Brüder Mannesmann) und des Luftreifens (Dunlop).
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Das Sicherheitsniederrad