Fahrradhaus

Der Höhepunkt der Fahrradentwicklung lag in den Neunzigern

Eine kritische Betrachtung

 

Gut 100 Jahre nach der Erfindung des Fahrrades konnte man die ingenieurtechnische Entwicklung dieser „menschlichsten“ Maschine als abgeschlossen betrachten.

Im Grunde waren bereits in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts alle Voraussetzungen erfüllt, die ein Mensch für die Umsetzung seiner Bewegungsabläufe für eine schnellere Fortbewegung mittels Tragekonstruktion (Rahmen), Übertragungssystem (Antrieb) und Rollmöglichkeit (2 gummibereifte Laufräder) benötigte. Der massenhafte Bedarf an Fahrrädern entstand in den 20 er bis 50 er Jahren, als der PKW als allgemeines, bezahlbares Fortbewegungsmittel noch nicht verbreitet war. Mit dem rasanten Wachstum des Wohlstandes in den 60 er und 70 Jahren geriet das Fahrrad in das Abseits.

Erst mit dem Beginn der Fitneswelle in den 80 er Jahren und Einbeziehung des Fahrrades in den Life Style, unterstützt durch das lobbybehaftete MTB aus den USA, kam es vor allem in Deutschland zum sprunghaften Aufleben des Fahrradfahrens als Freizeitbetätigung. Es gab dabei zwei Entwicklungsrichtungen: 1. Fertigung leichter und sportlicher Alltagsräder für jedermann und 2. reine Sportfahrzeuge für Amatheure und Profisportler. Während die 2. Gattung bis heute und wohl auch weiterhin durch immer neue spektakuläre Konstruktionen ihren Weg nimmt, ist das klassische Allgemeinfahrrad in den 90 er Jahren mit seinem elegant gemufften Stahlrohrrahmen, ausgetüftelter Lenk- und Nachlaufwinkel im Steuerbereich ( Starrgabel mit Eigendämpfverhalten!) und optimaler Sitzposition, unterstützt durch eine Schaltung mäßigen Umfangs auf seinen Höhepunkt geführt worden. Solche Räder überschritten vollausgestattet nur selten die 13 bis 14 kg. Die gewaltig aufgeblähten Produktionskapazitäten in Deutschland und Europa verlangten spätestens seit der Einfuhr des Uni- Alu-Massenrahmens aus Fern-Ost nach Aufrüstung der Fahrräder, um von massiver Werbung unterstützt, kräftig weiter zu produzieren.

Mit jeder Neuerung und Komfortbildung (Suspensions-Rahmen und Gabeln) wurden die Fahrräder zwar optisch immer interessanter, aber dafür deutlich schwerer. Einige Boliden von Massenherstellern bringen es bei 400 Euro inzwischen auf knapp 20 kg ! ( vergl. Leichtlaufrad Centano 1991 mit 12 kg und umgerechnet 160 Euro). Man kann also grob sagen, innerhalb von 20 Jahren haben Fahrräder, ausgelöst durch intensive Aufrüstung und Ausstattung Preis und Gewicht verdoppelt. Das Material Alu für den Rahmenbau nimmt damit auch keinen gewichtsreduzierenden Einfluss mehr. Heute kann man sagen: Willst du ein leichtes Stahl-Rad oder ein schweres Alu-Rad ? Hilflose Käuferscharen bewegen sich nun durch die Discount-Märkte und heben und heben. Wer bereit ist, auf unnötigen Schnick-Schnack zu verzichten und dabei einen ordentlichen Schein legt, kann dann auch wieder bei 12/13 kg landen.

Damit der Kaufboom der 90er Jahre nicht versiegt hat die Fahrradindustrie (nicht die Radfahrer selbst!) begonnen, den Menschen vollgefederte Alltagsräder (25 kg) einzureden - eine Sackgasse. Nun 10 Jahre später soll das Elektro- unterstützte Fahrrad das non plus ultra sein. Wer es sich leisten kann (mindestens 1 500 Euro) bewegt dann 25 bis 30 kg durch die Landschaft. In der Ebene mag das Vorteile bringen, weite Ziele ermüdungsfreier zu erreichen, aber im Bergland kann das Fahrzeug immer nur die menschliche Kraft ergänzen. Lässt diese wegen Knieproblemen oder Krampfbildung deutlich nach, dann steht man dumm da mit dem schweren Stück am Berg nach oben. Es wird also auch weiter immer wieder Versuche geben, dem Menschen mehr als das normale Fahrrad zu verkaufen.

Allein es bleibt die Frage: Wie viel Fahrrad braucht der Mensch? Einige Hersteller haben begonnen, wieder Vernunft einziehen zu lassen und fertigen sog. Easy- Bikes, einfache, leichte Räder zum Fahren ohne unnötigen Schnick-Schnack. Hoch lebe also der Höhepunkt der Fahrradentwicklung, erreicht in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts.

Text: Wolfgang Bieberstein